Learning Community der TUHH

4. Thema: Zukunft der sozialen Medien


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Soziale Medien

Mit dem Begriff „Social Media“ (wörtlich übersetzt: „soziale Medien“) beschreibt man digitale Medien, die vornehmlich dem Austausch von Informationen und Meinungen dienen. Eine wichtige Unterscheidung zu klassischen Medien (TV, Radio, Zeitung) ist dabei, dass die Nutzer von Social Media untereinander Inhalte teilen und nicht unidirektional von einem professionellen Anbieter erhalten – daraus resultiert auch die vornehmliche Struktur von Social Media als Plattform oder Netzwerk, das Nutzer untereinander ohne hierarchische Unterscheidungen miteinander verbindet. Nutzer sind im Sinne des „Web 2.0“ (der Begriff stammt von Tim O’Reilly und bezeichnet eine gewandelte Designstruktur von Webseiten seit ca. 2000, die auf Interaktion der Nutzer setzt) damit zugleich Konsumenten („user“) und Produzenten („producer“) – also sogenannte „produser“.

Der Zusatz „social“ stellt die sozial-interaktive Komponente der neuen Webnutzung in den Vordergrund. Nutzer verbinden sich in erster Linie, um soziale Beziehungen zu pflegen oder neue zu knüpfen. Damit verschieben sich gesellschaftliche Strukturen, etwa durch die Generation einer „Aufmerksamkeitsökonomie“, in der Inhalte geteilt werden, um möglichst hohen sozialen Status durch Bewertungen (wie etwa „likes“ bei Facebook, „retweets“ und Herzen bei Twitter) zu erhalten. Andere gesellschaftliche Folgen sind die Abkehr von traditionellen Massenmedien als dominante Formate sozialer Meinungsbildung (Stichwort: „alternative Medien“) und das Verschwimmen klar definierter Grenzen von Öffentlichkeit und Privatheit – jeder kann Inhalte produzieren und einem Massenpublikum zur Verfügung stellen, Meinung verdrängt hierbei oftmals Fakten. Hinzu kommt die Produktion neuer Formen von Bekanntheit (Stichwort: „influencer“), die auf einer wahrgenommenen Authentizität („jemand wie ich“) beruht und als Folge alle Nutzer als potentielle Influencer und Meinungsführer neoliberalen Marktkräften aussetzt – die Eigendarstellung auf sozialen Medien produziert die eigene „Marke“ („brand awarenesss“).

Als Beispiel dafür, wie viele verschiedene Plattformen und Websites als Social Media gelten, kann man sich auf dem Social Media Prisma von Ethority ein Bild machen:

Technologische Durchsetzung

Mit der fortschreitenden Digitalisierung haben sich auch unsere gesellschaftlichen Strukturen den neuen Technologien angepasst – die sozialen Medien sind somit ein Baustein im Prozess des digitalen Wandels. Die Durchsetzung des Alltags mit digitalen Medien und Technologien hat Einfluss auf die Funktionen und Prozesse von Gesellschaft – gerade in den westlichen Gesellschaften haben Technologie-Konzerne eine Marktdurchsetzung erreicht, die in vielen Bereichen einem absoluten Monopol gleicht. Wer heute Informationen sucht, der nutzt Google, wer mit anderen in Kontakt bleiben will, der befreundet sich auf Facebook. Auch in Hinsicht auf ihre Marktkonzentration sind die Technologiekonzerne so groß geworden, dass politische und soziale Akteure der Macht der Betriebe wenig entgegenzusetzen haben. Die Werte, die hierbei im Zentrum des Interesses stehen sind Informationen, insbesondere die Daten der Nutzer.


Bildquelle: Techcrunch, Artikel von Josh Constine (https://techcrunch.com/2017/06/27/facebook-2-billion-users/?guccounter=1)

Der Fall Facebook und die Datensicherheit

Wie problematisch der Umgang mit diesen Daten ist, zeigt vor allem der Konzern Facebook, der aktuell in der Kritik steht, weil mit Cambridge Analytica eine politische Beratungsagentur persönliche Daten von 87 Millionen Facebook-Mitgliedern dazu genutzt hat, Anzeigen geschaltet und Inhalte generiert hat, um so Meinungsbildung gezielt zu beeinflussen. Wie effektiv solche Manipulationen auf Basis großer Datenmengen sind, bleibt dahingestellt – wichtig ist aber, dass die Daten der Nutzer hier als wichtiges Wirtschaftsgut gehandelt wurden.

Facebook war aber bereits einige Jahre zuvor schon in einen Skandal involviert, der die Nutzung von Mitgliedsdaten betraf. In einer psychologischen Studie konnte Facebook-Mitarbeiter Adam Kramer belegen, dass Nutzer durch gezielte Veränderung ihres Newsfeed emotional beeinflusst wurden und etwa selbst negativere Posts verfassten, wenn sie über eine Zeit negativ-emotionalen Posts ausgesetzt waren. Auch hier ist die wissenschaftliche eher zweifelhafte Erkenntnis einer „massenhaften emotionalen Ansteckung in sozialen Netzwerken“ (so der Titel der Studie) weit weniger relevant, als die Erkenntnis, dass Facebook intern die Daten der Nutzer zu Studien nutzt. Diese Studien werden durchgeführt, ohne dabei die Erlaubnis der Nutzer einzuholen oder kenntlich zu machen, dass Manipulationen der Inhaltsdarstellungen überhaupt stattfinden. Hier verdeutlicht sich, dass im Gegensatz zu traditioneller Werbung (und deren direkter und offensichtlicher Einflussnahme auf unser Konsumverhalten), die neuen Technologien auf einer Verschleierung ihrer Auswertungs- und Einflussnahmemechanismen beruhen. Der durchschnittliche Nutzer ist nicht in der Lage zu erkennen, mit Hilfe welches komplexen Algorithmus ihm Inhalte präsentiert werden und welche Manipulationen vorgenommen wurden, geschweige denn, wie seine eigenen – meist freiwillig eingegebenen – Daten für andere Zwecke genutzt werden. Alle relevanten Technologiekonzerne nutzen ihre Kundendaten, um Vorteile im eigenen Geschäftsbereich zu erreichen oder neue Geschäftsfelder ausfindig zu machen. Doch dass es sich hier um normale Marktforschung handelt, muss man deutlich hinterfragen, wie Nicholas Carr in einem Essay im Los Angeles Review of Books auf den Punkt bringt. Seine Ausführung ist es wert in Gänze zitiert zu werden:

„Dank der Reichweite des Internet, ist die Art der Experimente zu Psychologie und Verhalten der Nutzer, die Facebook durchführt, sowohl in Hinsicht auf die Ausrichtung als auch deren Umfang deutlich von der Marktforschung der Vergangenheit zu unterscheiden. Noch nie zuvor waren Firmen in der Lage, so intime Daten zu den Gedanken und zum Leben der Menschen zu sammeln. Und noch nie waren sie in der Lage so weitreichend und so detailliert die Informationen zu formen, die die Menschen zu sehen bekommen. Wenn die Institution Post jemals zugegeben hätte, dass sie die Briefe eines jeden Bürgers liest und dann auswählt, welche Briefe zugestellt würden und welche nicht, dann wären die Leute rasend vor Wut – aber genau das ist es, was Facebook hier getan hat. In der Erstellung der Algorithmen, die ihren Newsfeed und anderen Mediendienste steuern, bestimmen sie was ihre mehr als eine Milliarde Mitglieder zu sehen bekommen, und sie überwachen ihre Reaktion darauf. Die daraus resultierenden Daten werden genutzt, um die Algorithmen weiter anzupassen, wodurch der Zyklus von neuem beginnt. Und weil die Algorithmen ein Geschäftsgeheimnis sind, haben die Menschen keine Ahnung, welche Knöpfe bei ihnen gerade gedrückt wurden – oder wann und aus welchem Grund.“ - Nicholas Carr

Das politische Potential der sozialen Medien

Soziale Medien spielen seit Jahren eine wichtige (und immer wichtiger werdende) Rolle im gesellschaftlichen Umgang und in politischen Diskursen. Ausgehend von den technischen und kommunikativen Potentialen (und Versprechen) der sozialen Medien erschien noch 2011 beim Arabischen Frühling die neue Technologie als Versprechen für mehr Demokratie und freie Meinungsäußerung. Dissidenten der oppressiven Regime in Ägypten, Syrien oder auch dem Iran sahen in Twitter, Facebook und Co. eine Chance, sich untereinander zu vernetzen (und somit die Isolation regimekritischer Gedanken zu durchbrechen) und über Unterdrückung und Regime-Machenschaften zu berichten. Die Verbreitung von Smartphones und die schnellen, anonymen Möglichkeiten der Veröffentlichung erlaubten es Aktivisten, mit geringen technischem Aufwand und weniger persönlichem Risiko aus den politisch-restriktiven Ländern zu berichten.


Bildquelle: AnnaLenaSchiller.com CC BY SA (https://mediawartruth.wordpress.com)

Doch, wie Zeynep Tufekci kürzlich in einem Essay im MIT Technology Review schrieb, bleiben mächtige Technologien den Machthabern der Welt meist nicht lange verborgen. Statt einer massiven Demokratiebewegung entstanden so über die letzten Jahre andere Strukturen, die dieselben technologischen Möglichkeiten nun zu ihrem Vorteil und damit zu Manipulation, Machterhalt und Ausbeutung nutzen. So geht mit dem Erfolg und der Durchsetzung der sozialen Medien (und der Vormacht weniger zentraler Konzerne), wie oben beschrieben, ein gesellschaftlicher Strukturwandel einher. Traditionellen Medien kommen keine Gatekeeper-Funktionen mehr zu, die zwar einerseits Dissenzmeinungen abgehalten haben, aber eben auch jede Menge Störfeuer (von Randgruppen, Verschwörungstheoretikern etc.) aus der Meinungsbildung ferngehalten haben. Aktivisten müssen sich in der Aufmerksamkeitsökonomie gegen jede Menge lauter und extremer Positionen Gehör verschaffen. Dazu kommt, dass gesellschaftliche Konsenzbildung heute aufgrund der individuellen Informationsstände durch personalisierte und alternativ gewonnenen Nachrichten kaum noch möglich scheint. Und schließlich, so Tufekci, ist problematisch, dass die Zielsetzung der neuen sozialen Medien gerade diesen lauten und extremen Positionen zuspielt, da sich mit radikalen Positionen und Aussagen mehr Aufmerksamkeit (und damit mehr Profit) erreichen lässt. Somit sind die vermeintlich „neutralen“ sozialen Medien aus Profitorientierung schon daran interessiert gerade besonders spaltende Themen und Meinungen zu transportieren.


The Circle

Jede Lerneinheit nutzt als fiktionale Basis der Diskussion einen Science-Fiction-Film, den sich Lernende zum besseren Verständnis eigenständig anschauen können. Für das Thema „Zukunft der sozialen Medien“ empfehlen wir die Sichtung des Films:
The Circle (US 2017, Regie: James Ponsoldt)

Inhalt

Der Film The Circle spielt in einer nur wenig von der Gegenwart abweichenden Zukunft, in der der Medienkonzern The Circle (eine Mischung der aktuellen Big Four: Alphabet, Amazon, Alphabet und Facebook) alle sozialen Medien in einem großen Meta-Account vereint und somit eine alles umspannende Marktdominanz erreicht hat. Die junge Mae Holland (Emma Watson) steigt im Circle im Bereich Customer Service ein und gerät schnell auf die Corporate-Überholspur. Gerade die Markteinführung der SeeChange-Kamera (eine extrem günstige, sehr kleine und überall nutzbare Kamera) und deren rasante Verbreitung bringt Mae später dazu ihr Leben „transparent“ zu stellen und sich vollständig von der Social Media-Community überwachen zu lassen – vom Marketing der Firma als Weg zu Fairness und Verantwortlichkeit im zwischenmenschlichen Umgang gelobt. Mae wird zum Influencer und nutzt die Macht, um ihre technokratische Vision einer besseren Welt immer weiter voranzutreiben.

Fragen für die Diskussion:

  • Welche Technologien werden in dem Film vorgestellt?
  • In gesellschaftlichen wie auch politischen Probleme gibt The Circle vor, können durch die neuen sozialen Medien und Technologien gelöst werden?
  • Welches Bild gesellschaftlichen Umgangs projizieren soziale Medien? Welche Elemente von Gesellschaft (Beispiel: Mercer) schließen sie aus?
  • Erscheint uns die von The Circle repräsentierte Zukunft als erstrebenswert?

Weiterführende Literatur und Quellen

Lizenz

Alle Inhalte sind lizensiert unter CC BY 3.0 DE, außer es wird explizit auf eine andere Lizenz oder Copyrights hingewiesen. Die in den Lehrvideos verwendeten Filmausschnitte etwa unterliegen den jeweiligen Copyrights der Produktionsfirmen und sind hier unter Verwendung des langen Bildzitats für die Nutzung in der Lehre verwendet.


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